Ist mein Kind faul?Kinder sollen Lesen und Schreiben in der Zeit lernen, die in der Institution Schule dafür vorgesehen ist. Manche von ihnen zeigen hierbei Schwierigkeiten, die Eltern nicht erwartet hätten, weil mehr in ihnen steckt, andere scheitern fast völlig. Was ist der Grund?
Einleitung Wer Lesen und Schreiben nicht so schnell und gut erlernt wie andere, sieht sich häufig Urteilen wie "dumm" oder "faul" oder "unkonzentriert" ausgesetzt. Lese-/Schreibprobleme gelten als individuelle Abweichung von einer menschlichen Normalleistung. Lernprobleme können jedoch sehr unterschiedliche Gründe haben: Vielleicht brauchen manche Kinder einfach mehr Zeit als man ihnen lässt, vielleicht brauchen sie einen anderen Weg, um das Lesen und Schreiben zu lernen, als der bisher eingeschlagene oder vielleicht hakt der Lernprozess an einer bestimmten Stelle, die bisher nicht erkannt wurde. Erst wenn die Gründe herausgefunden sind, die im konkreten Einzelfall die Probleme erklären, kann ihnen geholfen werden. Dennoch sehen sich Kinder mit Lernproblemen heutigentags immer noch vorschnell - mal dem einen und mal dem anderen - Urteil ausgesetzt:
Ist mein Kind faul?  | Häufig gibt es noch die Ansicht, dass die betroffenen Kinder im Grunde zu "faul" beim Erlernen des Lesen und Schreibens seien, dass sie eben zu Hause nicht genug geübt hätten. Erwachsene, denen Schreiben und Lesen etwas ganz Selbstverständliches (geworden!) sind, meinen oft, dass das Lesen und Schreiben der "Muttersprache" doch das Einfachste von der Welt sei und nur eine Frage des guten Willens. |
Während man für falsch gelöste Mathematikaufgaben noch ein gewisses Verständnis hat, wird bei Rechtschreib- und Leseproblemen vermutet, dass das betreffende Kind einfach nicht ausreichend genug lernen und üben will.
Warum will mein Kind nicht lesen und schreiben? Bei lese-rechtschreibschwachen Kindern sind sehr oft Verhaltensweisen festzustellen, die den Verdacht, es will nicht, es sei faul, zu bestätigen scheinen: Oft kann man beobachten, dass diese Kinder keine Lust haben, ihre Hausaufgaben zu machen, ständig dazu angehalten werden müssen, dann herumtrödeln und widerwillig vor ihren Schreibheften sitzen. Dies ist in der Regel eine Folge ihrer Schwierigkeiten: Weil das Kind täglich Misserfolge erntet, obwohl es sich bemüht, richtig zu schreiben und zu lesen, zieht es für sich den Schluss, dass es nie so gut lernen kann wie die anderen. Sein Selbstwertgefühl leidet, es wird mutlos und vermeidet jede Anstrengung und Übungssituation, um keine neuen Misserfolge einstecken zu müssen.
Kinder mit Problemen im Lesen und/oder Schreiben eignen sich früher oder später die verschiedensten Vermeidungsstrategien an, die dem Bedürfnis entspringen, schriftlichen Anforderungssituationen zu entfliehen, um sich nicht zu blamieren - vor ihren Eltern, ihren Lehrern, der Klasse und vor sich selbst. Dieses Vermeidungsverhalten führt in ihrem Umfeld zu dem Urteil, dass sie eben die Bereitschaft, sich anzustrengen, vermissen lassen. So entziehen sie sich z.B. häuslichen Übungssituationen unter Einsatz von Tränen, haben keinen Bock, weigern sich trotzig oder mit Wutanfällen. Dann gibt es auch charmantere Varianten, sich zu entziehen und dennoch einen guten Eindruck zu hinterlassen. Man versucht, die Mutter von ihrem Übungsvorhaben abzubringen, indem man sie in ein interessantes Gespräch verwickelt: "Du, ich muss dir noch was erzählen...". Ein Drittklässler, dessen Großeltern in Wien wohnten, musste unbedingt, gerade als Üben anstand, seiner Mutter das Wiener U-Bahnnetz auf ein Blatt aufzeichnen. Als er zu Ende war hatte sie keine Zeit mehr und musste das Abendbrot vorbereiten. Gerade wenn bei Kindern nur im Lesen oder Rechtschreiben schlechte Leistungen auftauchen und sonst nicht, ist die Überzeugung, sie könnten, wenn sie nur wollten, schnell bei der Hand. So verkehrt sich für lese- oder rechtschreibschwache Kinder der Vorteil, in den anderen Unterrichtsfächern keine Probleme zu haben, zu ihrem Nachteil: Ihnen werden Vorwürfe gemacht oder es werden Strafmaßnahmen ersonnen, damit sie sich beim Lesen und Schreiben mehr anstrengen und mehr tun. Dabei wird vergessen, sich die Frage zu stellen, warum sie sich in anderen Bereichen anstrengen würden, beim Lesen und Schreiben aber nicht.
Vorurteile haben fatale Folgen für die Kinder Fehleinschätzung wie Dummheit und Faulheit sind Irrtümer mit fatalen praktischen Folgen für die betroffenen Kinder. Sie wirken sich auf das Selbstbild der Kinder aus und beeinträchtigen sie zusätzlich. Die Lustlosigkeit gegenüber dem Lesen und Schreiben, die wir bei einem großen Teil der lese- und rechtschreibschwachen Kinder und Jugendlichen antreffen, ihre Abwehrhaltung gegenüber schriftlichen Anforderungssituationen, letztendlich gegen alles, was nach Text und Büchern aussieht, verursacht eine Lese-Rechtschreibschwäche mit. Warum? Weil Lese-Schreibfertigkeiten, auch wenn sie unzureichend ausgebildet sind, einfach nicht angewendet werden.
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