Ist mein Kind unkonzentriert?Dr. Ilona LöfflerKinder sollen die Schriftsprache in der Zeit lernen, die in der Institution Schule dafür vorgesehen ist. Manche von ihnen zeigen hierbei Schwierigkeiten, die Eltern nicht erwartet hätten, weil mehr in ihnen steckt, andere scheitern fast völlig. Was ist der Grund?
Einleitung Wer Lesen und Schreiben nicht so schnell und gut erlernt wie andere, sieht sich häufig Urteilen wie "dumm" oder "faul" oder "unkonzentriert" ausgesetzt. Lese-/Schreibprobleme gelten als individuelle Abweichung von einer menschlichen Normalleistung. Lernprobleme können jedoch sehr unterschiedliche Gründe haben: Vielleicht brauchen manche Kinder einfach mehr Zeit als man ihnen lässt, vielleicht brauchen sie einen anderen Weg, um das Lesen und Schreiben zu lernen, als der bisher eingeschlagene oder vielleicht hakt der Lernprozess an einer bestimmten Stelle, die bisher nicht erkannt wurde. Erst wenn die Gründe herausgefunden sind, die im konkreten Einzelfall die Probleme erklären, kann ihnen geholfen werden. Dennoch sehen sich Kinder mit Lernproblemen heutigentags immer noch vorschnell - mal dem einen und mal dem anderen - Urteil ausgesetzt:
Ist mein Kind unkonzentriert? Bei Kindern mit Lese- und/oder Rechtschreibproblemen ist sehr oft ein Konzentrationsmangel zu beobachten und sie ermüden schneller als andere. Sie sind ständig überfordert und stehen unter Druck. Der Lese- und Schreibvorgang verlangt von ihnen ein permanent erhöhtes Anstrengungs- und Konzentrationsniveau ab, das sich jedoch beim besten Willen nicht über längere Zeit aufrecht erhalten lässt. Ihr Problem ist also nicht eine generelle Konzentrationsschwäche, wie man vermuten könnte, sondern eine zu hohe Konzentrationsanspannung, die psycho-physisch nicht über eine längere Dauer gehalten werden kann.
Hinzu kommt, dass man zur Konzentration Ruhe benötigt. Wir meinen hier die innere Ruhe. Ein Kind mit Lese-/Schreibproblemen hat sie nicht. Es ist beunruhigt, ob im Unterricht sein Name fällt, ob es gleich vor der Klasse laut vorlesen oder etwas an die Tafel schreiben soll. Wie soll es seine Aufmerksamkeit ungeteilt auf die Übungsaufgabe oder das Diktat ausrichten können, wenn es permanent daran denken muss, nicht schon wieder so viele Fehler zu machen? Auch Sorgen der Eltern übertragen sich auf das Kind. Weil es aber die Sorgen nicht einordnen und überblicken kann wie die Erwachsenen, ist es zum großen Teil noch stärker als die eigenen Eltern beunruhigt. Ermüdung oder Konzentrationsmangel bei Kindern der ersten Klassen können auch von der Schreibbewegung herrühren. Anfänger haben noch eine motorische Ungeschicklichkeit für die Feinbewegungen, wie sie zum Schreiben der Buchstaben notwendig sind. Sie müssen die feinmotorischen Bewegungsmuster erst lernen und automatisieren. Sie wenden zur Führung des Stifts zu viel Kraft auf und drücken zu fest auf die Unterlage. Es gibt Kinder, die halten ihren Stift derart fest umklammert, dass ihre Finger weiß werden. Sie wenden eine zu hohe Muskelkraft auf und schmerzende Handgelenke und abgebrochene Bleistiftspitzen sind oft die Folge. Das muss einen nicht beunruhigen. Eine überhöhte Muskelanspannung tritt bei uns allen auf, wenn wir neue motorische Bewegungen einüben. Wenn dann statt einzelner Buchstaben sogar ganze Buchstabenfolgen geschrieben werden müssen, fördert das die Verspannung der Muskulatur erneut. Während der Erwachsene nach 2- 3 Buchstaben für den Bruchteil einer Sekunde absetzt, also quasi eine feinmotorische "Erholungspause" einlegt, bevor er zum nächsten Buchstaben übergeht, sollen in der Schreibschrift möglichst viele Buchstaben eines Wortes miteinander verbunden werden. Das strengt selbstverständlich an und die Kinder erschöpfen rascher. Es können sich leichte Druckstellen an den Fingern bilden, die Hand ermüdet oder das Handgelenk oder der Arm schmerzen. Probieren Sie es einmal an sich selbst aus und schreiben Sie in "schöner Schulschrift" eine ganze Seite. Achten Sie auch darauf, dass Sie die Linien des Papiers einhalten. Bei lese-rechtschreibschwachen Kindern jeden Alters kann beobachtet werden, dass sich ihre Angespanntheit, Rechtschreibfehler zu vermeiden, auf eine übermäßige Kontrolle ihrer Schreibbewegung verlagert statt auf die Kontrolle des Geschriebenen. Die Folge ist, dass sie sich schreibmotorisch mehr anstrengen und sich ihr Schreibfluss verlangsamt. ("Ich bin nicht mitgekommen", "Die Lehrerin hat zu schnell diktiert").
|