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Eine Legasthenie ist keine Behinderung, aber sie behindert

Ein Bruder antwortete auf die ängstliche Frage seines jüngeren Bruders, ob er wegen seiner Legasthenie behindert sei: "Nein, Kleiner, aber sie behindert dich."


Eine Legasthenie behindert die schulische Entwicklung
- oder was das Kind lernen könnte

Lernschwächen im Lesen und Schreiben können zu einem universellen Leistungsabfall führen und beeinflussen die weitere Schullaufbahn dieser Kinder:

Geschrieb_1Kinder mit mangelndem Lese- und/oder Schreibvermögen sind in allen schulischen Sachgebieten beeinträchtigt, sobald sie Informationen in Textform aufnehmen, verarbeiten und wiedergeben sollen.

Allzu bekannt sind die Leistungseinbrüche in Rechnen, wenn die ersten Textaufgaben kommen.
Sie entwickeln falsche Lernstrategien, die nicht nur den Erwerb der Schriftsprache behindern, sondern generell ineffektiv sind, so dass sie z. B. Hilfestellungen kaum übernehmen und Gelerntes nur schwer auf andere Bereiche übertragen können.

Die Überlegung, welche weiterführende Schule die richtige für das Kind ist, wird entscheidend von den Leistungen im Lesen und Schreiben bestimmt:
"Mit seinen sonstigen Leistungen hätte er auf das Gymnasium gehen können, aber nicht mit diesen Rechtschreibfehlern" führt zu einer Schulwegsentscheidung, die unter den Bildungsmöglichkeiten des Kindes liegt.


Eine Legasthenie behindert die soziale Entwicklung
- oder was das Kind tun könnte

Terminkalender_200

 

Dass lese-rechtschreibschwache Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule, sondern auch im häuslichen Leben vor Probleme gestellt sind, wird oft übersehen. Es fällt nicht auf, denn die Familie hilft aus und erledigt für das Kind alle Aufgaben, die ohne Lesen und Schreiben nicht zu bewältigen sind.

 


... sowohl in der Familie

Die Eltern verzichten im Umgang mit ihrem Kind auf die Schriftform, ohne dass sie sich dessen bewusst sind:

  • Die Eltern übertragen Aufgaben, die mit Lesen und Schreiben zu tun haben, wie z.B. Einkaufen lieber an die kleinere Schwester ("die ist einfach fixer").

  • Wenn von den Urlaubsgrüßen des gleichaltrigen Freundes nur einzelne Wörter erlesen werden können, liest die Mutter die Karte vor.

  • Einkaufszettel lesen, die Anrufer für die Eltern notieren, eine Telefonnummer suchen, Erinnerungsnotizen hinterlassen sind Aufgaben, die das Kind nicht erledigen kann.

  • Wenn statt der süßen Sahne der Sauerrahm aus dem Kühlschrank geholt wird, wird schnell auf den Becher mit dem "blauen" Deckel hingewiesen, statt auf die "Aufschrift" auf dem Deckel.


... als auch in der Umwelt

Wie sieht es aber aus, wenn der schützende Arm der Familie endet? Auch Kinder haben ein gesellschaftliches Leben, das sich außerhalb des familiären Alltags abspielt. Wenn sie hier in Situationen kommen, in denen ihre Lese-Rechtschreibschwierigkeiten öffentlich werden, machen sie die leidvolle Erfahrung, dass sie "auffallen". Sie genügen einer "Normalität" nicht, die von ihnen erwartet wird.

"Kannst du denn schon lesen und schreiben?" hören Kinder von allen Seiten, kaum dass sie einige Monate die Schule besuchen. Schon zu Lernbeginn können sie also ins Abseits geraten oder kommen in die Lage, Vorkehrungen zu treffen, dass "es" nicht herauskommt:

Eine Mutter erzählte uns, dass ihre Tochter nach einem Kindergeburtstag nie wieder an solchen Zusammentreffen teilnehmen wollte. Was war geschehen?

Die Kinder hatten ein Frage-Antwort-Spiel begonnen und die Mütterrunde im Hintergrund beobachtete bei Kaffee und Kuchen den Spielverlauf. Jedes der Kinder, selbst der kleine Ausländerjunge, las die kurze Frage bzw. Antwort auf seiner Karte vor. Ihre Tochter war als einzige dazu nicht in der Lage. Allen wurde es deutlich. Alle bekamen es mit. Sie konnte nicht mitspielen. Sie stand abseits, während das Spiel weiterlief. Der Mutter brach es fast das Herz. Die mitleidigen Blicke der anwesenden Mütter, deren heimlicher Stolz auf die Leistung des eigenen Sprösslings, und deren Trost als das Mädchen schließlich zu weinen begann: "Das wird schon noch", waren für Kind und Mutter kein Trost.

In einem Alter, wo die gleichaltrigen Freunde schon ihre Mobilität genießen und in die Stadt fahren, einen Jahresausweis für Bus und U-Bahn besitzen oder sonstige Unternehmungen selbstständig betreiben, bleibt das lese-rechtschreibschwache Kind unselbstständig und auf Hilfe angewiesen. Zum Training des Fußballvereins fuhr eine Mutter zusammen mit ihrem Jungen so oft mit dem Bus, bis er die Knöpfe am Fahrkartenschalter in- und auswendig kannte sowie den Bus und die Haltestelle, wo er aussteigen musste. Und weil er sich vor den anderen schämte, auf dem Fußballplatz in Begleitung seiner Mutter aufzutauchen, bestand er darauf, die letzten Meter allein zu gehen. Sorgsam achtete er darauf, dass sie sich immer im Hintergrund aufhielt und nicht in die Nähe des Spielfeldes kam.


Eine Legasthenie behindert die seelische Entwicklung

Mit Schuleintritt ist die Schule die soziale Umgebung der Kinder und zwar zu einem Großteil ihrer Zeit. In dieser Zeit befassen sie sich zum ersten Mal systematisch mit Wörtern, Silben, Lauten und Buchstaben. Lesen und Schreiben lernen hat für Kinder eine große emotionale Bedeutung, denn es ist für sie ein Schritt in die Welt der Erwachsenen ("jetzt bin ich schon groß") und sie sind gespannt darauf, es zu erlernen.

Dort zu versagen, kann den Verlust des Selbstwertgefühls nach sich ziehen, zumal das Versagen als Widerspiegelung ihrer mangelnden Fähigkeit empfunden wird. Demütigende Situationen und Bloßstellungen durch Gleichaltrige wie Erwachsene (Hänseleien, Lehrerkommentare, Elternreaktionen) können hinzutreten. Sie können von Mitschülern aktiv abgelehnt oder isoliert werden und befürchten, nicht mehr anerkannt und gemocht zu werden, von ihrer Lehrerin, den Klassenkameraden und ihren Eltern.

Ein großer Teil der Kinder entwickelt Minderwertigkeitsgefühle. Sie vergleichen sich mit den anderen, die es besser können. Sie schließen auf ihre generelle Unterbegabung als ein quasi stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das sie nicht verändern können: "Ich bin dumm", ich lerne das nie".


Was Eltern an ihrem Kind auffällt

  • es mag plötzlich aus der Schule nichts mehr erzählen und zeigt seine Schulhefte nicht mehr freiwillig;
  • es reagiert übersensibel auf Leistungsanforderungen in der Schule oder zu Hause oder wenn die Eltern sonst etwas von ihm wollen;
  • es klagt - scheinbar grundlos - über Kopf- und Bauchschmerzen, für die auch der Kinderarzt keine Erklärung findet;
  • es beginnt, an den Nägeln zu kauen, und hin und wieder macht das eine oder andere Kind wieder ins Bett;
  • es hat unerklärliche Wutausbrüche, dann weint es wieder bei jeder Kleinigkeit;
  • es wirkt lustlos und ist auch mit seinen Lieblingsspielen nicht mehr zu locken;
  • im wahrsten Sinne des Wortes "frisst" es alles in sich hinein, hat Essattacken und nimmt in wenigen Monaten mehrere Pfunde zu;
  • es verliert das Interesse an seinen besten Freunden und beginnt sich zu isolieren und zurückzuziehen.

Eine Mutter erzählt von ihrem Sohn

Die Mutter eines Zweitklässlers, der der Star seiner kleinen Fußballmannschaft war, erzählte uns, dass sie von ihrem Sohn, nachdem sie die quälenden nachmittäglichen Lese- und Schreibübungen beendet hatten, weinend gefragt worden war: "Wann fängt es (!) denn auch im Fußballspielen an?"

Wie kommt der Junge zu einer solchen Befürchtung? Die Erfahrung, dass sein persönlicher Einsatz, nämlich sich anzustrengen und zu üben, nicht zum erwarteten Erfolg geführt hatte, ließ bei dem Kind die Furcht aufkommen, "es" nicht mehr selbst in der Hand zu haben, was mit ihm passiert. Es hatten sich bei dem Kleinen innerlich Ängste entwickelt, dass "es" mit ihm auch beim Fußballspielen passieren könnte.


Lesen Sie auch: "Hausaufgabenstress" - täglicher Stress zwischen Eltern und Kind.


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Was können Eltern tun?

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