Was ist am Lesenlernen so schwer?Dr. Ilona Löffler und Dr. Ursula Meyer-SchepersLesen ist die Fähigkeit, geschriebene Texte unterschiedlicher Art in ihren Aussagen, Absichten und ihrer formalen Struktur zu verstehen, sowie die Fähigkeit, Texte für verschiedene Zwecke sachgerecht zu nutzen. Lesekompetenz ist also eine entscheidende Voraussetzung des Lernens überhaupt; Lesen ermöglicht das selbständige Erschließen neuer Wissenselemente.
 | Für einen informationsbezogenen Umgang mit Texten aller Art werden in der Grundschulzeit die lesetechnischen Voraussetzungen geschaffen. Kompetentes Lesen reicht vom Heraussuchen bestimmter Informationen aus einem Text über das Identifizieren zentraler Aussagen bis hin zur Textinterpretation und kritischen Bewertung des Inhalts oder der Form eines Textes. Neben Prosatexten umfasst Lesen aber auch das Erfassen der Aussage von Listen, Formularen, Grafiken und Diagrammen. Auch das Internet ist ein Schriftmedium. Da Informationen auch im Internet vorwiegend textbasiert vermittelt werden, ist Lesekompetenz auch im Hinblick auf die Verwendung dieses Mediums zu sehen. |
Das Erlesen von einzelnen Buchstaben Der erste Schritt für den Lernanfänger ist das Erlesen von Einzelbuchstaben. Die optische Identifizierung der Buchstaben muss verbunden werden mit einer Klanggestalt, dem zugehörigen Lauten. Mögliche Schwierigkeiten ergeben sich dabei aus der Formähnlichkeit der Buchstabenzeichen, z.B. b-d; m-n, t-f usw.
Das Zusammenschleifen von Buchstaben Als nächstes folgt das Zusammenschleifen von Einzelbuchstaben zu Silben und Wörtern, d.h. der Übergang vom Buchstaben-addierenden Lesen zum Lesen mit einer Wortmelodie. Buchstabenverbindungen müssen als Signalgruppen und Indikator bekannter Wörter erfasst werden. Dabei müssen die Kinder erlernen, dass es innerhalb von Wörtern immer wiederkehrende Lautverbindungen gibt (z.B. G-abel - K-abel, b-aden - F-aden), dass kleinste Unterschiede Sinndifferenzen ausmachen (z.B. den - dem, Ziege - Zeiger, loben - toben) und dass die Schreibweise von Wörtern unterschiedliche Betonungen erfordert (z.B. den - denn, Höhle - Hölle).
Das Erlesen von Wörtern und Sätzen  | Diese beiden Schritte sind die Minimalvoraussetzungen für das Lesen von Sätzen bzw. Texten. Auf dieser Lernstufe müssen die Kinder elementare Muster von Satzstrukturen erkennen und in einen verbalen Lesefluss übersetzen lernen. Aus dem Aneinanderreihen verschiedener Wörter in Verbindung mit Satzzeichen wie Komma, Punkt, Frage- und Ausrufungszeichen muss eine Satzmelodie entwickelt werden. |
Dabei ist verlangt, nicht mehr nur Wort für Wort zu erlesen, sondern Wortfolgen als Sinnzusammenhang zu erfassen, aus dem sich die nachfolgenden Wörter und deren grammatische Formen wie z.B. Einzahl- oder Mehrzahlendungen und Zeiten ergeben. Dies sind die lerntechnischen Voraussetzungen dafür, worauf es beim Lesen letztendlich ankommt, nämlich auf die Sinnentnahme. Nach der Grundschulzeit ist Lesen zwar kein eigenständiges Unterrichtsfach mehr; das bedeutet allerdings nicht, dass der Leselernprozess damit abgeschlossen wäre: Das sinnentnehmende Lesen und der sinnerschließende Umgang mit Texten wird an den weiterführenden Schulen in den jeweiligen Klassenstufen anhand von Texten unterschiedlichen sprachlichen Anspruchsniveaus immer weiter entwickelt und als zu erbringende Leistung in nahezu allen Fächern von den Schülern verlangt.
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